Ergebnisse der 2. Befragung NEU
Die Ergebnisse der grossen Werte-Befragung Swiss Spirit IndexTM vom Herbst 2008.
ST.GALLEN, im November 2008. Insgesamt 175 einzelne Werte wurden auf ihre subjektive Bedeutung hin getestet, und erste Versuche zur Komplexitäts-Reduktion wurden vorgenommen. Die Ergebnisse sind aufschlussreich und zeigen erste Konturen der geplanten Werte-Landkarten. Zu den detaillierten Ergebnissen gelangen Sie hier. Für einen Überblick zur Studie und zusammenfassende Ergebnisse, lesen Sie einfach weiter …
Warum Werte nie wertvoller waren als heute
Die radikalste Form des Werte-Wandels ist die Werte-Vernichtung, und die erleben wir in den Zeiten der Finanzkrise gerade in Billionenhöhe. So allerdings hatten wir uns den Werte-Wandel nicht vorgestellt, als wir das Werteforschungsprojekt Swiss Spirit starteten. Doch bei näherer Betrachtung erweist sich eben diese Krise für das Projekt als Glücksfall. Denn mehr und mehr wird hinter der Finanzkrise eine Krise der Werte sichtbar. Wir stellen fest, dass es so nicht weitergehen kann, weil uns ein übertriebener Materialismus in die Sackgasse geführt hat. Unklar bleibt, an welchen Werten wir uns stattdessen orientieren könnten und sollten.
Nun beinhalten Krisen bekanntlich nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Weil uns die Finanzkrise zur Auseinandersetzung mit der Frage zwingt, wohin wir eigentlich wollen, was uns wichtig ist und was uns wie viel wert ist, erhalten die Werte die Chance, endlich den ihnen gebührenden Platz in der öffentlichen Diskussion einzunehmen. Denn genau um diese Frage geht es bei den Werten: Was ist uns wie viel wert?
Mit dem Projekt Swiss Spirit wollen wir einen Beitrag zur Klärung dieser Frage leisten, indem wir die Werte der Menschen in diesem Land transparenter machen. Das ist nicht in einem einmaligen Schritt möglich, sondern nur als Prozess. Dessen erste Ergebnisse präsentieren wir Ihnen auf dieser Seite.
Sich bewusst mit seinen eigenen Werten auseinandersetzen zu können, ist ein Privileg. Denn, um ein bekanntes Zitat von Bertold Brecht abzuwandeln: «Erst kommt das Fressen, dann die Werte!» Anders gesagt: Es braucht einen hohen Lebensstandard, ehe die Frage nach der Lebensqualität relevant werden kann. Erst wenn der Materialismus an seine Sättigungsgrenzen stösst, hat eine postmaterialistische Werte-Orientierung eine Chance.
Diese Voraussetzung ist in der Schweiz gegeben. Dazu kommt eine starke kulturelle Tradition: Die Schweiz ist eine Werte-Nation, ihre Basis bilden geteilte Werte. Deshalb ist sie wie kaum ein anderes Land dazu geeignet, als Prototyp und Pionierin des postmaterialistischen Werte-Wandels zu dienen. Postmaterialismus beginnt tatsächlich in der Schweiz.
Der Werte-Wandel bei den Menschen ist alles andere als ein rein akademisches Thema ohne praktische Bedeutung. Denn diese Menschen sind auch Konsumenten und Mitarbeiter und Staatsbürger, die ihre Entscheidungen an ihren Werten ausrichten. Und das bedeutet: Wer die Werte seiner Konsumentinnen und Mitarbeiterinnen ignoriert, ist bald weg vom Fenster. Werte-Ignoranz werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Einen ersten bescheidenen Beitrag (auch Bescheidenheit ist ein Wert mit Zukunft!) gegen die Ignoranz in Sachen Werte liefert der vorliegende Werte-Report. Er zeigt, dass der Werte-Wandel tatsächlich eine klare Richtung hat: Vom Lebensstandard zur Lebensqualität.
Die Studie
Die vorliegende Studie ist ein Projekt aus dem Bereich der Grundlagenforschung des ISG Institut und stellt eine Zwischenetappe auf dem Weg zur Schaffung verlässlicher Werte-Landkarten dar. Unser Ziel ist es, einen möglichst einfachen Fragenkatalog zu entwickeln, mit dessen Hilfe sich die wichtigsten Werte von Menschen und Gruppen erfassen lassen. Werte sind in diesem Zusammenhang alles, was Menschen etwas wert ist, ihnen also viel bedeutet und wichtig ist.
Um herauszufinden, welches die wichtigsten Werte sind, musste der Trichter möglicher Werte zunächst möglich weit gefasst werden, denn nur, wenn am Anfang alle möglichen Einzelwerte erfasst werden, können daraus dann die wichtigsten ausgewählt werden. Fasst man am Anfang den Trichter zu eng, besteht die Gefahr, wichtige Werte zu übersehen.
Bei der Sichtung des vorhandenen Forschungsmaterials zum Thema Werte zeigte sich schnell, dass unter diesem Begriff ziemlich unterschiedliche Phänomene zusammengefasst werden. Diese lassen sich in drei Bereiche gliedern:
- Werte als persönliche Lebensziele
- Werte als geschätzte Persönlichkeits-Eigenschaften
- Werte als gesellschaftliche Ziele
Die bisherigen Werte-Studien konzentrierten sich meist auf einzelne Bereiche, wohingegen das Ziel, die Werte-Landschaften möglichst vollständig zu erfassen, nach einer Integration aller drei Bereiche rief. Das führte dazu, dass schliesslich 66 persönliche Lebensziele, 60 geschätzte Persönlichkeits-Eigenschaften und 41 gesellschaftliche Ziele darauf warteten, nach ihrer persönlichen Bedeutung auf einer Skala von 0 bis 10 eingestuft zu werden. Dazu kamen acht Leit-Werte in Form eines Schlagworts, die mit derselben Skala einzustufen waren. Zusammen wurden also 175 einzelne Werte getestet.
Dieser enorme Umfang der getesteten Werte stellte für die befragten Studienteilnehmer eine hohe Bereitschaft dar, sich an dieser zeitintensiven Explorations-Phase des Projektes zu beteiligen. Dass nichtsdestotrotz Ende August, Anfang September 2008 insgesamt 396 Menschen alle Fragen vollständig beantworteten, grenzt an ein kleines Wunder und spricht für die Offenheit und für das Engagement für Werte all dieser Menschen, denen auch an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt sei. Die hohe Teilnehmerzahl ermöglichte es, auch vertiefte statistische Analysen vorzunehmen.
Unsere Ergebnisse sind nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung der Schweiz – und dies absichtlich: Quantitative, repräsentative Befragungsmethoden bilden nämlich nur Meinungs-Verteilungen zwar genau ab, doch kranken sie daran, dass diese Meinungen, Einstellungen etc. zwangsläufig an der Oberfläche bleiben müssen. Vertiefte Fragestellungen sind nicht möglich, weil in einer repräsentativen Stichprobe nie alle das dafür nötige Interesse und die nötigen geistigen Fähigkeiten aufbringen können.
Qualitative Befragungsmethoden haben den Vorteil, dass sie in die Tiefe gehen können – was notwendig ist, um zu echten Erkenntnissen über Handlungsfelder und Massnahmen zu gelangen. Dafür kranken sie daran, dass sie kaum Rückschlüsse auf quantitative Meinungs-Verteilungen erlauben.
Aus diesem Grund haben wir für uns entschieden, für diese erste Phase der Studie das Prinzip der Resonanzgruppe anzuwenden. Die Resonanzgruppe kombiniert quantitative Befragungsmethoden mit qualitativen Ansätzen und nutzt so von beiden Methoden deren Vorteile, ohne sich deren Nachteile einzuhandeln.
Sie bilden aber verlässlich das Werte-Profil jener „Bewusstseins-Elite“ ab, die sich vertieft mit Fragen nach Werten, Orientierung, Identität und Sinn auseinandersetzt und damit bei der Evolution des kollektiven Bewusstseins die Rolle eines Sauerteigs übernimmt.
Die wichtigsten Ergebnisse der vorliegenden Studie sind:
- Werte sind tatsächlich was wert – als Orientierungs- und Entscheidungshilfe.
- Werte sind tatsächlich in (mindestens) drei Bereichen anzutreffen: als persönliche Lebensziele, als geschätzte Persönlichkeits-Eigenschaften und als gesellschaftliche Ziele.
- In allen drei Bereichen gibt es viele einzelne Werte, die im Durchschnitt als subjektiv „sehr wichtig“ eingestuft werden.
- Ein weiterer Grossteil der getesteten 175 Werte wird zumindest als „wichtig“ eingestuft, weniger wichtige Werte bilden eine kleine Minderheit.
- Den Befragten sind also viele Werte zugleich wichtig. Diesen Umstand gilt es bei der Fortsetzung der Werte-Forschung zu beachten.
- Eine gewisse Komplexitäts-Reduktion bringt eine Faktorenanalyse, welche die sechs Dimensionen „Traditionsbewusstsein“, „Idealismus“, „Selbstkompetenz“, „Selbstverwirklichung“, „Reife/Sinn“ sowie „Lebensfreude“ identifizierte. Darauf lässt sich aufbauen.
- Werte sind offensichtlich kein Nullsummenspiel, bei dem ein Zugewinn beim einen Wert zu einem Abbau an Bedeutung beim anderen führt. Vielmehr unterscheiden sich Menschen auch danach, wie wichtig ihnen Werte insgesamt sind: Ein hoher Stellenwert der einen Werte-Dimension führt tendenziell zu einer ebenfalls überdurchschnittlich hohen Bewertung der anderen Werte-Dimensionen – und umgekehrt.
- Dasselbe Phänomen gibt es auch bei einem anderen „soft factor“, nämlich bei der Ausprägung unterschiedlicher Teil-Identitäten, die ebenfalls nicht in einem Konkurrenzverhältnis stehen, sondern gemeinsam gehäuft auftreten.
- Der langsam, aber sicher wirksame Trend von Geld zu Geist, von Quantität zu Qualität, von materiellen zu immateriellen Werten, ist ungebrochen.
- Bei der „Bewusstseins-Elite“, für welche die Befragten stehen, bleiben Lebensqualität und Optimismus auf hohem Niveau stabil.
Wie jede gute Forschung führte auch diese Studie zu mehr neuen Fragen als zu abschliessenden Antworten:
- Wie lassen sich die vorgefundenen vielschichtigen und komplexen Werte-Landschaften weiter zu handhabbaren Werte-Landkarten verdichten?
- Welche Leit-Werte könnten gleichsam als Leuchttürme in unübersehbaren Werte-Landschaften dienen?
- Mit welchen sprachlichen Formulierungen lassen sich Werte am besten erfassen?
- Wie wirken sich Werte auf Verhalten und Befindlichkeit aus?
- Wie verändern sich Werte in Zeiten der Krise?
- Und so fort.
Die detaillierten Ergebnisse zur Zweitbefragung finden sie hier.